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Die Büchersammlerin

Die Büchersammlerin

By: Valerie Wagner
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Ein Podcast zwischen Buchkritik und Autor:innen-Gespräch2025 - 2026 Valerie Wagner Art Literary History & Criticism Social Sciences
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  • 20.000 Elefanten in Berlin: Das Geschenk von Gaea Schoeters, übersetzt von Lisa Mensing
    Mar 29 2026
    Was geschieht, wenn 20.000 Elefanten plötzlich durch Berlin spazieren? Diese scheinbar absurde Frage ist der Ausgangspunkt für Gaea Schoeters brillante Politsatire "Das Geschenk“. Ein Roman, der auf einer tatsächlich stattgefundenen diplomatischen Provokation basiert. Im April 2024 bot der botswanische Präsident Mokgweetsi Masisi Deutschland 20.000 Elefanten an (-> YouTube-Video zur Meldung). Der Grund: Deutschland wollte die EU-Einfuhrbeschränkungen für Jagdtrophäen verschärfen. Die damalige Umweltministerin Steffi Lemke von den Grünen befürwortete weitere Restriktionen zum Schutz der Elefanten. Doch in Botswana sah man das anders. Das Land hat ein Elefantenproblem. Allerdings anders, als man im Westen denkt. Zu viele Elefanten verursachen massive Konflikte zwischen den Großtieren und den Bauern vor Ort. Die Bedingung des Präsidenten war klar: Die Elefanten müssen frei in Berlin herumlaufen können. Eine perfekte Provokation, die die Widersprüche westlicher Moralpolitik entlarvt. Belgiens Parlament verabschiedete im Januar 2024 einstimmig ein Einfuhrverbot von Jagdtrophäen. Auch Frankreich und Finnland haben Verbote für bestimmte Tierarten erlassen (Quelle: humaneworld.org). In Deutschland gilt bis heute kein Verbot, aber strenge Regeln (Quelle: bfn.de). Literarische Brillanz auf 140 Seiten Gaea Schoeters verwandelt diese reale Begebenheit in eine messerscharfe Satire. In ihrem kompakten Roman von 144 Seiten lässt sie die Dickhäuter in Berlin auftauchen. Sie baden in der Spree, durchstreifen den Tiergarten und verursachen Verkehrschaos. Bundeskanzler Hans-Christian Winkler steht vor einem unlösbaren Problem: Zunächst sind es 38 Elefanten, dann 55 – von der Dunkelziffer ganz zu schweigen. Politische Satire trifft auf menschliche Abgründe "Das Geschenk" ist mehr als eine unterhaltsame Satire. Es ist eine Parabel über die Widersprüche westlicher Moral und kolonialer Denkstrukturen. Die gut gemeinte Umweltpolitik Deutschlands entpuppt sich als eurozentristische Bevormundung, die die realen Probleme der Menschen vor Ort ignoriert. Gaea Schoeters zeigt, wie schnell moralische Überlegenheit in Absurdität umschlägt, wenn man mit den Konsequenzen der eigenen Politik konfrontiert wird. Die Elefanten in Berlin sind nicht nur ein groteskes Bild, sie sind ein Spiegel, der die Heuchelei und Doppelmoral europäischer Politik schonungslos reflektiert. Die Kunst der Übersetzung: Lyonerwurst im Kaffee Besonders spannend sind die Einblicke in den Übersetzungsprozess. Ein Detail zeigt exemplarisch die kulturellen Herausforderungen: In der Originalversion tunkt eine Figur ihr Brötchen mit Lyonerwurst in ihren Kaffee. Lisa Mensing rief sofort an: "Das geht überhaupt nicht. Kein einziger Deutscher tunkt Wurst im Kaffee." Doch Gaea Schoeters hatte einen guten Grund für diese Szene. In Belgien machen das vor allem Arbeiter auf Baustellen, und sie wollte damit andeuten, aus welchem sozialen Hintergrund die Figur stammt. Autorin und Übersetzerin brainstormten länger als einen Tag, um eine kulturell passende Alternative zu finden, die die gleiche Bedeutung transportiert. Elefanten mit allen Sinnen erfassen Die Beschreibungen der Elefanten sind von beeindruckender Präzision. Gaea verrät ihr Geheimnis: Sie schaut sich YouTube-Videos an, weil man dort mehr Details sieht als in der Realität. Man kann pausieren, vergrößern, Details mehrfach anschauen. Während sie diese Bilder studiert, entsteht gleichzeitig die Geschichte. Das Beobachten als Recherche triggert in ihrem Kopf, was passiert – beides gehört zusammen. Ein Beispiel aus dem Buch zeigt diese Detailliebe: Der Elefant am Flussufer, der zögerlich mit der Rüsselspitze das ungewohnt kalte Wasser prüft, unbehaglich die Ohren rotieren lässt, gierig trinkt und dabei die Augen genüsslich schließt. Die aufgehende Sonne färbt das Tier gelb-grau ein, Wassertropfen glitzern im Sonnenlicht. Ein Film, der beim Lesen im Kopf abläuft. Fazit zu "Das Geschenk" "Das Geschenk" ist ein kleines literarisches Juwel, das mit nur 140 Seiten mehr bewirkt als mancher Wälzer. Schoeters gelingt es, eine komplexe politische Debatte in eine unterhaltsame, absurde und doch tiefgründige Geschichte zu verwandeln. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und gleichzeitig herrlich unterhält. Über die Autorin: Gaea Schoeters Gaea Schoeters (c) Sebastien Van Malleghem Gaea Schoeters, ist 1976 geboren und eine flämische Autorin, Journalistin, ausgebildete Dolmetscherin und Drehbuchautorin. Sie ist Teil des niederländisch-flämischen Kollektivs Fixdit, einer Vereinigung von zwölf Autorinnen, die sich für mehr Gleichberechtigung in der Literaturbranche einsetzt. Als klar war, dass ihr Roman ins Deutsche übersetzt werden würde, lernte Schoeters Deutsch, um Lesungen und Interviews auf Deutsch halten zu können. Für »Trophäe« wurde sie mit dem Literaturpreis Sabam for Culture ausgezeichnet. Sabam ist die belgische Gesellschaft der Urheber, Komponisten und ...
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    23 mins
  • Eine unangenehme Hauptfigur: Trophäe von Gaea Schoeters, übersetzt von Lisa Mensing
    Feb 22 2026
    In dieser Folge von "Die Büchersammlerin" spreche ich mit der flämischen Autorin Gaea Schoeters und der Übersetzerin Lisa Mensing über den Roman "Trophäe" – ein Buch, das verstört, fasziniert und nicht loslässt. Hunter White, ein wohlhabender amerikanischer Jäger, reist nach Afrika, um das letzte Tier seiner "Big Five" zu erlegen: ein Nashorn. Doch als ihm Wilderer zuvorkommen, macht ihm sein Jagdführer ein unmoralisches Angebot: die "Big Six". Was folgt, ist eine literarische Auseinandersetzung mit Neokolonialismus, Machtstrukturen und der Frage: Wie weit geht Entmenschlichung? Die Autorin hat mit Hunter White bewusst eine zutiefst unsympathische Hauptfigur geschaffen. Warum? Weil sie eine Schwäche für unangenehme Charaktere hat, wie sie im Podcast-Gespräch erklärt. Es geht ihr darum, Menschen zu verstehen, die komplett anders sind als sie selbst. Selbst mit jemandem wie Hunter White versucht sie, etwas Gemeinsames zu finden; seine aufrichtige Liebe zur Natur zum Beispiel, um von dort aus ein Gespräch zu beginnen. Neokolonialismus als Botschaft Was "Trophäe" so kraftvoll macht, ist nicht nur die Geschichte selbst, sondern die Botschaft. Gaea beschreibt den modernen Neokolonialismus: Afrika als Vergnügungspark für reiche westliche Jäger, die sich einreden, durch ihre teuren Jagdlizenzen Artenschutz und den Bau von Schulen zu finanzieren. Die Autorin zeigt die fortbestehenden Abhängigkeitsverhältnisse zwischen ehemaligen Kolonialmächten und den Ländern des globalen Südens. Die Inspiration für das Buch kam von zwei Quellen: einem Foto des englischen Fotografen David Chancellor, das einen Jäger in seinem Trophäenraum zeigt, mit einem kleinen schwarzen Jungen im Vordergrund, den Schoeters für einen Moment für ausgestopft hielt. Die zweite Quelle war ein Zeitungsartikel über ein indigenes Volk in Botswana, das gezwungen wurde, sein Heimatdorf zu verlassen, und später "reintegriert" wurde, um das ökologische Gleichgewicht wiederherzustellen. Diese Wortwahl wird normalerweise für Tiere verwendet und machte deutlich, wie Menschen mit demselben Blick betrachtet werden wie Wildtiere. Ein verdichteter Schreibstil Besonders bemerkenswert ist der Schreibstil von Gaea Schoeters. Kein Wort, kein Satz ist zu viel. Alles ist auf den Punkt formuliert, verdichtet. Lisa Mensing, die das Buch aus dem Niederländischen übertragen hat, musste besonders an der Syntax arbeiten. Die langen, verschachtelten Sätze erforderten viel Feingefühl, um sie ins Deutsche zu übersetzen, ohne den Rhythmus und die Pointen zu verlieren. Lisa legt besonderen Wert darauf, dass ihre Übersetzungen nicht als solche erkennbar sind, sondern für deutsche Leser flüssig lesbar. Bei "Trophäe" bedeutete das, Nebensätze zu verschieben, die Struktur zu verändern und dabei den Stil des Originals beizubehalten. Ein besonderes Highlight: das Wort "zuckeln", das Gaea zu ihren Lieblingswörtern in der deutschen Übersetzung zählt. Der kreative Prozess An "Trophäe" hat Gaea Schoeters etwa sieben Jahre gearbeitet. Dieser Prozess begann nicht mit dem Schreiben, sondern mit Recherche und dem Kennenlernen der Figuren. Sie führte Gespräche mit ihren Charakteren über Dinge, die nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun haben – über Schulzeit, wie sie ihre Partner kennengelernt haben, was sie in ihrer Freizeit machen. Erst wenn sich in ihrem Kopf ein kompletter Film entwickelt hat, setzt sie sich hin und schreibt diesen Film auf. Gaea lernte, nachdem klar war, dass ihr Roman ins Deutsche übersetzt werden würde, extra Deutsch, um Lesungen und Interviews in der Sprache halten zu können. "Trophäe" erhielt den belgischen Literaturpreis "Sabam for Culture". Fazit zu Trophäe "Trophäe" ist ein Buch, das gefallen wird, wenn man Geschichten mit Tiefgang mag und bereit ist, sich auch außerhalb der Lektüre mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen. Es bringt einen dazu, über Kolonialismus, Neokolonialismus und die Jagd nachzudenken. Es ist unbequem, verstörend und gleichzeitig brillant geschrieben. Das Gespräch mit Gaea Schoeters und Lisa Mensing zeigt, wie viel Arbeit, Reflexion und Handwerk in einem solchen Werk stecken. Es ist eine Meisterleistung der Autorin und eine ebenso beeindruckende Leistung der Übersetzerin, die diese Geschichte für deutschsprachige Leser zugänglich gemacht hat. Über die Autorin: Gaea Schoeters Gaea Schoeters (c) Sebastien Van Malleghem Gaea Schoeters, ist 1976 geboren und eine flämische Autorin, Journalistin, ausgebildete Dolmetscherin und Drehbuchautorin. Sie ist Teil des niederländisch-flämischen Kollektivs Fixdit, einer Vereinigung von zwölf Autorinnen, die sich für mehr Gleichberechtigung in der Literaturbranche einsetzt. Als klar war, dass ihr Roman ins Deutsche übersetzt werden würde, lernte Schoeters Deutsch, um Lesungen und Interviews auf Deutsch halten zu können. Für »Trophäe« wurde sie mit dem Literaturpreis Sabam for Culture ausgezeichnet. Sabam ist die ...
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    28 mins
  • Verlust und Trauer: Tage wie Salzwasser von Sita Maria Frey
    Jan 25 2026
    Was passiert, wenn der Boden unter unseren Füßen plötzlich wegbricht? In dieser Folge spreche ich mit Sita Maria Frey über ihren bewegenden Debütroman "Tage wie Salzwasser" – ein Roadtrip von Freiburg nach Sizilien, der von zwei ungleichen Frauen handelt, die beide mit existenziellen Verlusten konfrontiert sind. Sita erzählt, wie ihre eigenen Erfahrungen mit plötzlichem Verlust in den Roman eingeflossen sind, warum sie gesellschaftliche Tabus wie das Hadern mit einer Schwangerschaft thematisiert und wie sie komplexe Charaktere entwickelt, die zwischen dem, was sie wollen, und dem, was sie brauchen, navigieren müssen. Über die Autorin Sita Maria Frey ist anderthalb Schwimmzüge lang und 1629 Scheiben Raclette-Käse schwer. Ihre große Liebe ist das Wasser. Sita wurde 1983 in Mülheim an der Ruhr geboren, hat nach dem Studium an der Universität Freiburg promoviert und bei Rowohlt, Hanser und S. Fischer Verlag gearbeitet. Heute lebt sie mit ihrer Familie am Zürichsee. „Tage wie Salzwasser“ ist ihr Debütroman. Sita auf Instagram: @sitalibertad Sitas Website: textding.ch © Michael Schlothane Themen dieser Folge Ihren nächsten Roman über eine Großmutter, die ihre Enkelin aufnimmt Warum Sita in der Elternzeit mit dem Schreiben begann Die Herausforderungen als Lektorin, den eigenen Text zu bearbeiten Ihre Doktorarbeit über Organtransplantation in der Gegenwartsliteratur Die Rolle von Social Media im Buchmarketing – Segen oder Fluch? Ihre Creative Writing Kurse in der Schweiz Shownotes 00:51 Rezension über Tage wie Salzwasser03:16 Über die Autorin Sita Maria Frey04:18 Verlust und Trauer: Tage wie Salzwasser von Sita Maria Frey05:18 Der Zürichsee ist 3,85 km breit07:26 textding.ch - Website von Sita Maria Frey11:44 Worum gehts in Tage wie Salzwasser?13:04 Warum hast du diese Geschichte geschrieben?17:24 Wasserweckle und Stefans Käsekuchen im Buch19:55 Wie lange hast du am Buch gearbeitet?21:32 Schreiben in der Elternzeit24:35 Selbst lektorien - niemals!25:55 Englische Literatur26:22 Zu nah beim Goethe und Schiller26:48 Doktorarbeit zu Gegenwartsliteratur32:39 Die Figur Atlanta33:44 Was war zuerst da? Thema, Geschichte, Figur?34:03 Das erste war die Idee der Bewegung also der Reise35:31 Figuren auf dem Weg: Von wollen zu brauchen38:14 Trauer und Verlust38:39 Reise im Sinne von Aufbrechen40:32 Ein Thema aus dem eigenen Leben48:34 Wie beeinflusst unsere Prägung unser Leben?49:10 Wie wichtig ist Social Media fürs Buchmarketing?52:39 Lektorat, Satz, Druck uvm wird vom Verlag organisiert53:28 Aber auch das Marketing muss dazugehören56:08 Die Überraschungsfrage57:58 Welches Buch kannst du empfehlen?58:07 Dschinns von Fatma Aydemir 58:11 Der Gott des Waldes von Liz Moore 59:15 Was kommt als nächtes?01:01:40 Verlosung von drei Exemplaren von Tage wie Salzwasser Verlosung Das Gewinnspiel ist beendet. Die Gewinner wurden informiert und haben nun eine Woche Zeit sich zu melden. Bis 22. Februar 2026 kannst du eines von drei Exemplaren gewinnen! Alle Details hörst du in der Folge - oder erfährst du im Newsletter. Hier findest du die Teilnahmebedingungen. "Tage wie Salzwasser" von Sita Maria Frey Verlag: Droemer HCSeitenanzahl: 320 SeitenISBN: 978-3-426-56461-5Erscheinungstag: 02.05.2025 Affiliate-Links*: Amazon | medimops Bücher | Genial lokal Genannte Buchempfehlungen Dschinns von Fatma Aydemir Verlag: Hanser VerlagSeitenzahl: 368 SeitenISBN: 978-3-446-26914-9Erscheinungsdatum: 14.02.2022Preis: Deutschland 24,00 € | Österreich: 24,70 €Affiliate-Links*: Amazon | medimops Bücher | Genial lokal Der Gott des Waldes von Liz MooreAus dem Englischen von Cornelius Hartz Verlag: C. H. BeckSeitenzahl: 590 SeitenISBN: 978-3-406-82977-2Erscheinungsdatum: 20.02.2025Preis: 26,00 € Affiliate-Links*: Amazon | medimops Bücher | Genial lokal *Dir entsteht kein Nachteil, wenn du über den Affiliate Link kaufst. Ich erhalte eine kleine Provision und kann damit diese Seite und den Podcast finanzieren.
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    1 hr and 4 mins
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