In dieser Folge von "Die Büchersammlerin" spreche ich mit der flämischen Autorin Gaea Schoeters und der Übersetzerin Lisa Mensing über den Roman "Trophäe" – ein Buch, das verstört, fasziniert und nicht loslässt. Hunter White, ein wohlhabender amerikanischer Jäger, reist nach Afrika, um das letzte Tier seiner "Big Five" zu erlegen: ein Nashorn. Doch als ihm Wilderer zuvorkommen, macht ihm sein Jagdführer ein unmoralisches Angebot: die "Big Six". Was folgt, ist eine literarische Auseinandersetzung mit Neokolonialismus, Machtstrukturen und der Frage: Wie weit geht Entmenschlichung? Die Autorin hat mit Hunter White bewusst eine zutiefst unsympathische Hauptfigur geschaffen. Warum? Weil sie eine Schwäche für unangenehme Charaktere hat, wie sie im Podcast-Gespräch erklärt. Es geht ihr darum, Menschen zu verstehen, die komplett anders sind als sie selbst. Selbst mit jemandem wie Hunter White versucht sie, etwas Gemeinsames zu finden; seine aufrichtige Liebe zur Natur zum Beispiel, um von dort aus ein Gespräch zu beginnen. Neokolonialismus als Botschaft Was "Trophäe" so kraftvoll macht, ist nicht nur die Geschichte selbst, sondern die Botschaft. Gaea beschreibt den modernen Neokolonialismus: Afrika als Vergnügungspark für reiche westliche Jäger, die sich einreden, durch ihre teuren Jagdlizenzen Artenschutz und den Bau von Schulen zu finanzieren. Die Autorin zeigt die fortbestehenden Abhängigkeitsverhältnisse zwischen ehemaligen Kolonialmächten und den Ländern des globalen Südens. Die Inspiration für das Buch kam von zwei Quellen: einem Foto des englischen Fotografen David Chancellor, das einen Jäger in seinem Trophäenraum zeigt, mit einem kleinen schwarzen Jungen im Vordergrund, den Schoeters für einen Moment für ausgestopft hielt. Die zweite Quelle war ein Zeitungsartikel über ein indigenes Volk in Botswana, das gezwungen wurde, sein Heimatdorf zu verlassen, und später "reintegriert" wurde, um das ökologische Gleichgewicht wiederherzustellen. Diese Wortwahl wird normalerweise für Tiere verwendet und machte deutlich, wie Menschen mit demselben Blick betrachtet werden wie Wildtiere. Ein verdichteter Schreibstil Besonders bemerkenswert ist der Schreibstil von Gaea Schoeters. Kein Wort, kein Satz ist zu viel. Alles ist auf den Punkt formuliert, verdichtet. Lisa Mensing, die das Buch aus dem Niederländischen übertragen hat, musste besonders an der Syntax arbeiten. Die langen, verschachtelten Sätze erforderten viel Feingefühl, um sie ins Deutsche zu übersetzen, ohne den Rhythmus und die Pointen zu verlieren. Lisa legt besonderen Wert darauf, dass ihre Übersetzungen nicht als solche erkennbar sind, sondern für deutsche Leser flüssig lesbar. Bei "Trophäe" bedeutete das, Nebensätze zu verschieben, die Struktur zu verändern und dabei den Stil des Originals beizubehalten. Ein besonderes Highlight: das Wort "zuckeln", das Gaea zu ihren Lieblingswörtern in der deutschen Übersetzung zählt. Der kreative Prozess An "Trophäe" hat Gaea Schoeters etwa sieben Jahre gearbeitet. Dieser Prozess begann nicht mit dem Schreiben, sondern mit Recherche und dem Kennenlernen der Figuren. Sie führte Gespräche mit ihren Charakteren über Dinge, die nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun haben – über Schulzeit, wie sie ihre Partner kennengelernt haben, was sie in ihrer Freizeit machen. Erst wenn sich in ihrem Kopf ein kompletter Film entwickelt hat, setzt sie sich hin und schreibt diesen Film auf. Gaea lernte, nachdem klar war, dass ihr Roman ins Deutsche übersetzt werden würde, extra Deutsch, um Lesungen und Interviews in der Sprache halten zu können. "Trophäe" erhielt den belgischen Literaturpreis "Sabam for Culture". Fazit zu Trophäe "Trophäe" ist ein Buch, das gefallen wird, wenn man Geschichten mit Tiefgang mag und bereit ist, sich auch außerhalb der Lektüre mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen. Es bringt einen dazu, über Kolonialismus, Neokolonialismus und die Jagd nachzudenken. Es ist unbequem, verstörend und gleichzeitig brillant geschrieben. Das Gespräch mit Gaea Schoeters und Lisa Mensing zeigt, wie viel Arbeit, Reflexion und Handwerk in einem solchen Werk stecken. Es ist eine Meisterleistung der Autorin und eine ebenso beeindruckende Leistung der Übersetzerin, die diese Geschichte für deutschsprachige Leser zugänglich gemacht hat. Über die Autorin: Gaea Schoeters Gaea Schoeters (c) Sebastien Van Malleghem Gaea Schoeters, ist 1976 geboren und eine flämische Autorin, Journalistin, ausgebildete Dolmetscherin und Drehbuchautorin. Sie ist Teil des niederländisch-flämischen Kollektivs Fixdit, einer Vereinigung von zwölf Autorinnen, die sich für mehr Gleichberechtigung in der Literaturbranche einsetzt. Als klar war, dass ihr Roman ins Deutsche übersetzt werden würde, lernte Schoeters Deutsch, um Lesungen und Interviews auf Deutsch halten zu können. Für »Trophäe« wurde sie mit dem Literaturpreis Sabam for Culture ausgezeichnet. Sabam ist die ...
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